Dieter Brusberg

Informationsbrief März 2007

"Wer war Ludwig Gabriel Schrieber?"

Gar mancher fragte mich das dieser Tage. Maler, Bildhauer, Zeichner war er. Und überdies ein großartiger Lehrer. Einer der vier, die (nach Gustav Seitz) den Ruf der (West)Berliner Bildhauerschule begründeten: Hartung, Heiliger, der wunderbare Uhlmann und eben jener unvergleichliche Ludwig Gabriel Schrieber, dessen Werke ich 1960 erstmals in eine Ausstellung einbeziehen durfte. Wir blieben ihm treu. Aber gar mancher scheint ihn heute vergessen zu haben.

Wie anders wäre es sonst zu erklären, daß uns allein die schöne Aufgabe zufällt, seines 100. Geburtstags zu gedenken. "Die Sonne, der Mond, die Frau" haben wir die Kabinettausstellung genannt. Und versucht, aus der Zeitnot eine Tugend zu machen: das Große auch im Kleinen suchend, im Ordentlichen auch das Außerordentliche. Denn als ich gewahr wurde, daß kein Museum, kein Kunstverein sich Schriebers Ehrentag zu erinnern schien, war das "Schlußprogramm" der Galerie längst geschrieben. Dennoch: mit Lust und also mit Neugier, im buchstäblichen Sinne, sind wir ans Werk gegangen, hofften auf noch wenig oder garnicht Bekanntes. Wir wurden belohnt. Aufregende Funde in den Schubladen des Nachlasses: Zeichnungen aus den Kriegsjahren und Zeichnungen aus später Zeit. Paradiesisch anmutende Landschaftsstudien als Beschwörung von Schönheit in schrecklichen Zeiten, entstanden unter dem hellen Licht griechischer Inseln und der weiten Landzüge Finnlands. Zeichnungen, in deren Tektonik die späteren, von apollinischem Geist geprägten, Skulpturen schon fühlbar sind.

Und dann die zweite Überraschung: rauschhafte nächtliche Zeichnungen aus den späten Jahren. Dem Mond gewidmet und, natürlich, der Frau. Den streng geformten und doch so sinnlichen Zeichnungen aus den Zeiten des Krieges und den daraus in den 40er und 50er Jahren gewachsenen Skulpturen stellen wir nun in scharfem Zusammenschnitt das dionysisch geprägte Spätwerk entgegen. Doch auch dieses ist, bei aller neugewonnenen Freiheit, stets geprägt vom Wissen um die Notwendigkeit der Form und seiner Hingabe an Sinn und Sinnlichkeit.

Wer also war Ludwig Gabriel Schrieber?
Sie sind eingeladen zu einer Wiederbegegnung oder zum Kennenlernen.
Bis zum 31. März haben Sie zudem Gelegenheit, eine berührende Wahlverwandtschaft zu erfahren: Die Bronzen Schriebers scheinen aus den Bildern des jungen nordirischen Malers Mark Shields hervorgetreten zu sein. Ungeachtet des Generationensprungs von etwa 60 Jahren führen beide Künstler mit höchst unterschiedlichen und ganz eigen-ständigen Mitteln ein ideales Bild des Menschen, seiner Sehnsüchte, seiner Träume vor unsere Augen: zeitlos und ganz und gar gegenwärtig.

Sehr herzlich
Dieter Brusberg