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Sie werden sich erinnern:
Mit dem Informationsbrief vom 22. Juni, dem Datum meines 75. Geburtstages, kam die Ankündigung von Abschied und Anfang: "Spätestens im Mai nächsten Jahres, vielleicht
schon im April". Doch dann gewann der Zug an Tempo. Meine neuen Partner, vertraute Freunde, konnten es nicht abwarten; sie wollen Fahne zeigen und Verantwortung schon zu Beginn des Jahres übernehmen. Jetzt sind die Formalien geklärt, die Verträge unterschrieben.
Wehmut? Nein: Vorfreude auf das Abenteuer von Abschied und Anfang.
Rosendahl, Thöne & Westphal - Galerie und Kunsthandel«
Drei Namen, ein Ziel. Drei Menschen mit einer Passion: Kunst. Der Gegenwart
verbunden, der Vergangenheit verpflichtet, der Zukunft zugewandt: Aus dem Kleinen
soll wieder Großes werden. Schritt für Schritt, und immer gilt: Zuerst die Kunst.
Die neuen Eigner wissen, dass Kunst vor allem der Liebe und Kennerschaft bedarf,
aber auch der wirtschaftlichen Vernunft. Daran ist kein Mangel. Petra Thöne und
Udo Rosendahl sind erfahrene und erfolgreiche Kaufleute.
Kennen gelernt habe ich sie vor knapp neun Jahren - als Sammler. Heute sind sie etwa
so alt wie ich es war, als ich 1982 meine Berliner Galerie am Kurfürstendamm 213 eröffnete. Und immer noch ist sie eine erste Adresse für Liebhaber einer Kunst, die
auf das Wesentliche zielt. Das soll so bleiben.
Petra Thöne betreibt zwei Apotheken; Udo Rosendahl arbeitet im internationalen
Finanzgeschäft. Beide sind verankert im bürgerlichen Milieu einer hinreißend
schönen Stadt im Westfälischen, in Warburg.
Zu mir nach Berlin kamen beide, um Rat einzuholen. Es ging um Gerhard Altenbourg -
wahrlich kein Künstler des Zeitgeistes. Aber einer, dem es um das Wesentliche geht. Ein Wahlverwandter. Kein Wunder also, dass Petra Thöne und Udo Rosendahl offene
Türen und kritischen Rat bei mir fanden. Deren Altenbourg-Sammlung, wuchs zu einer der schönsten im Land: Zu besichtigen "Hinter den sieben Bergen" - in Warburg nämlich. Wer nun aber glaubt, dass sich die Sammler auf Kabinettkunst konzentrierten, verkennt
ihr barockes Lebensgefühl, ihre Lust auch am großen Format. Eindrucksvolle
Werkgruppen des Menschenmalers John Meyer (1942, Bloemfontein, Südafrika),
wie auch von Vincent Wenzel (1979, Berlin) mögen die Spannweite ihrer Neigungen
markieren. Und auch so unterschiedlich scheinende Bildhauer wie der Südafrikaner
Dylan Lewis, (1964, Johannesburg) und Rolf Szymanski (1928), der Berliner aus Leipzig,
stehen paradigmatisch für eine glückliche Symbiose von Kennerschaft und Wagemut.
Sie wird auch das Profil ihrer Galerie prägen.
Im Einklang mit Stefan Westphal, dem Dritten im Bunde.
Ein Trio also: Um die wirtschaftlichen Belange wird sich Petra Thöne von Warburg aus
kümmern; Udo Rosendahl wird auf seinen Reisen Türen für die junge Galerie öffnen, aber auch meine altbewährten Beziehungen zu nutzen wissen. In Berlin wird Stefan
Westphal zusammen mit Ruth Neitemeier dafür sorgen, dass die Hofgalerie auch
unter der neuen Regie ein lebendiger Ort für die Kunst bleibt. Westphal ist der Galerie
seit 17 Jahren verbunden, er war so etwas wie ein Ziehsohn. Und Ruth Neitemeier ist seit mehr als 20 Jahren dabei, kenntnisreich und fürsorglich, immer informiert, immer
bestens organisiert.
So kann, so soll es weiter gehen.
Seit sechs Jahren suchte ich den Nachfolger. Nun ist es ein ganzes Team geworden,
und das ist gut so. Der gemeinsame Nenner, das Vertrauen in die Kunst und die Liebe
zu ihr, war von Beginn an da. Und wurde ausgebaut und weiter entwickelt - jetzt ist die
Zeit reif: Partner, die unabhängig bleiben und sich als Teilhaber verstehen, im Ideellen
und auch ganz praktisch. Die junge Galerie hat Zugriff auf meinen (immer noch großen)
Lagerbestand, verfügt also von Anfang an über ein substantielles Angebot, kann ihr Kapital
für eigene Ankäufe nutzen, auf die wiederum ich zurückgreifen kann: Ich bleibe also
in der Nähe, als Händler, als Berater. Von der Lyckallee aus.
Das reizvolle und für beide Seiten leicht erreichbare 300 Quadratmeter große Schaulager
am Fürstenplatz wird gemeinsam genutzt.
Die Kosten werden geteilt, das Angebot bereichert. Gute Aussichten.
Auch für die Freunde der Galerie. Und darum schon jetzt ein Hinweis für den Kalender: Am 14. Januar 2011 laden »Rosendahl, Thöne & Westphal« zur Ausstellung mit dem
spannenden Titel "Szenenwechsel". Ein neuer Aufbruch. Im neuen Jahr.
Für mich gilt es nun, einen Abschluss zu finden, noch einmal Zeichen zu setzen. Da fügt es sich wunderbar, dass vier verschollen geglaubte Bilder des großen Ernst Wilhelm Nay
eine Hauptrolle spielen in der achten Inszenierung des für die intime Hofgalerie
erfundenen "Bildertheaters". Gemalt wurden sie in den 1930er Jahren; sie bewegen sich
noch suchend, aber schon meisterlich zwischen Surrealismus, Neuer Sachlichkeit und
expressiver Gebärde auf dem Weg zum Gegenstandslosen: Vorgriffe auf ein grandioses
Spätwerk, doch auch Zeichen noch von Kampf und Entwicklung. Die beigesellten Bilder,
Skulpturen, Collagen und Zeichnungen von Weggefährten und Zeitgenossen lassen über-
raschende Wahlverwandtschaften aufscheinen, sie offenbaren gerade im Miteinander das
immerwährende Ringen um Symbiose von Form und Sinn - und zeigen, dass Schönheit und Schrecken, Hoffnung und Angst, Liebe und Tod untrennbar sind.
Zu sehen bis zum 6. November.
Etwa 10 Tage später wird Vincent Wenzel, mit seiner zweiten Einzelausstellung in der Hofgalerie, meinen Abschied von der Galerie einläuten. "Brot und Spiele" heißt die
Ausstellung, dem Titel eines der Bilder entlehnt - er hätte gut auch als Metapher für
die 52 Jahre von Lust und Last meiner Galeriearbeit dienen können.
Wobei die Lust immer das prägende, das treibende Element war.
Und so wird es auch bleiben.
Bis auf bald. Ihr Dieter Brusberg
Berlin, am 5. Oktober 2010
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