Johanna Di Blasi

Hannoversche Allgemeine Zeitung 8.12.2007
Das vollständige Interview
(die in Klammern gesetzten Passagen wurden durch die Redaktion gekürzt)

»

Die Kunst steht nicht mehr im Mittelpunkt«

Nach 49 Jahren als Galerist, zuerst in Hannover, dann in Berlin, eröffnen
Sie am 8. Dezember Ihre letzte Ausstellung. Gehen Sie dann in den Ruhestand?

Natürlich nicht: Ich werde weiter als Kunsthändler arbeiten und als Kurator.
Ich sehe es nach wie vor als Aufgabe an, mit Kunst etwas Wichtiges und (in
meinen Augen) Unverzichtbares in die Öffentlichkeit zu tragen. Kunst ist Therapie.
Sie verkörpert die Dinge, die im Leben entscheidend sind: Liebe und Tod, Angst
und Hoffnung - und eben Schönheit. Schönheit, das ist eine der Unbegreiflichkeiten
von Kunst, findet sich auch im vermeintlich Hässlichen. Der Isenheimer Altar
Matthias Grünewalds wirkt auch heute noch erschreckend, schenkt uns aber (, ungeachtet
der geradezu körperlichen Pein, die er auslöst, nicht nur Einsicht, sondern) auch Glück.
Durch die Kraft der Form, die Intensität der Malerei. In der Gegenwart sind es
die besten Bilder von Francis Bacon oder von Bernhard Heisig, die diese Qualität
in sich tragen.

Sie zeigen Werke von Heisig in Ihrer Abschlussausstellung. Was ist noch zu
sehen?

Gezeigt werden ausschließlich Werke von Künstlern, mit denen ich es in meinen
frühen Jahren zu tun hatte. Künstler meiner Generation. (Manche ein paar Jahre älter,
andere ein paar Jahre jünger als ich es bin.) Hauptwerke von Gerhard Altenbourg
zum Beispiel, dem Antipoden von Bernhard Heisig. (Ich zeige sie, aller vermeintlichen
Unterschiede zum Trotz, in einem Raum.) Denn beider Werke, (so unterschiedlich
es sich dann entwickelt hat,) wurde durch traumatische Kriegserfahrungen geprägt.
In einem anderen Raum hängt ein großes Werk von Tom Wesselmann (zusammen mit
Bildern von Konrad Klapheck und Richard Lindner). Den Wesselmann habe ich
vor etwa 35 Jahren in eine hannoversche Sammlung verkauft. 70.000 DM hat
das Bild damals gekostet. Heute ist es etwa zwei bis drei Millionen Euro wert.
Weitere Räume sind Werner Tübke und Fernando Botero, Horst Antes und dem
frühen Werk von Paul Wunderlich gewidmet.

Wie können Sie es sich erklären, dass Sie in Hannover, wo Sie von 1958 bis 1985
Galerist waren, immer noch begeisterte Anhänger haben, die sich stolz
"Brusbergians" nennen?

Erklären kann ich es nicht. Aber ganz offenbar haben wir gute Arbeit geleistet.
Denn es stimmt: Nach wie vor besuchen uns viele hannoversche Freunde, nehmen
teil an unserer Arbeit in Berlin.

Vor Kurzem ist im Sprengel Museum eine Ausstellung mit dem Titel "Die 1960er
Jahre in Hannover. Künstler, Galerien und Straßenkunst" eröffnet worden. Wie haben
Sie die sechziger Jahre in Hannover erlebt?

Die späten fünfziger und die sechziger Jahre waren für mich von prägender Bedeutung.
Hannover war im Aufbruch. Es war eine aufregende Zeit.

Hatte die Stadt nicht schon damals Imageschwierigkeiten?

Ja, aber zu Unrecht! Hannover hatte schon längst ein fantastisches Theater.
Und auch das Opernhaus war weit über die Landesgrenzen hinaus als absolut
erstes Haus bekannt. Mit einem großartigen Ballett. In Hannover, nicht in Berlin,
München oder Hamburg, habe ich schon sehr früh erste Stücke von Hans Werner Henze
kennengelernt. Und einen der großen Regisseure des Musiktheaters: Jean Pierre Ponnelle.

Wurden Sie in die Vorbereitungen zur Sechziger-Jahre-Ausstellung im Sprengel
Museum einbezogen?

Anfang des Jahres hatte ich mit den beiden Kuratoren ein langes Hintergrundgespräch.
Dann aber bis vor vier Wochen nichts mehr von dem Projekt gehört und glaubte,
die Ausstellung sei ins nächste Jahr verschoben worden. Erst als ich (vor etwa vier Wochen)
Anfragen des Museums nach Reproduktionsrechten erhielt, erfuhr ich, (durch Nachfrage,)
daß die Ausstellung schon am 2. Dezember dieses Jahres eröffnet werden sollte.
Ich war, zugegebenermaßen, geschockt. Und als ich dann das Einladungsblatt erhielt,
war ich sauer. Da wurden nur Künstlernamen genannt, mit denen ich nie etwas zu tun hatte.
Von meinen Künstlern war und ist in allen mir bisher bekannten Drucksachen
und Plakaten keine Rede gewesen. Weder von den jungen aufstrebenden Malern
aus Hannover wie A.I. Baschlakow oder Arnold Leissler noch von den Malern
und Bildhauern, die heute Weltruhm haben, aber schon damals in meiner Galerie
zu sehen waren. Alex Katz oder Fernando Botero, Tom Wesselmann, Ernest Trova
oder Mario Ceroli. Oder von deutschen Künstlern wie Erich Hauser und Rolf Szymanski.
Von Paul Wunderlich gar nicht erst zu reden, der von Hannover aus
seine großen internationalen Erfolge zeitigte. (Und dessen frühes Werk
ich immer noch zu den großen Leistungen deutscher Nachkriegskunst
rechne. Aber auch andere junge deutsche Künstler wurden, im Austausch,
nach London, New York oder Los Angeles vermittelt. Jetzt kann ich nur hoffen,
daß die Ausstellung ein anderes, ein objektiveres Bild vermittelt.)

Wer waren für Sie prägende Gestalten?

Werner Schmalenbach vor allem. Er war damals Direktor der Kestnergesellschaft.
Mit meinen Kommilitonen bin ich stets zu seinen regelmäßigen Führungen gegangen.
Das war lebendige Kunstgeschichte. Hinreißend vermittelt durch einen der ganz großen
deutschen Museumsleute. (Aber auch der Einfluß von Erhart Kästner, damals Direktor
der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel, war auf stille Weise groß. Von Alfred Hentzen
in Hamburg, Arnold Bode in Kassel gar nicht erst zu reden.) Und schließlich
(und ganz wichtig): Wilhelm Stichweh und Bernhard Sprengel.

1958 eröffneten sie Ihre erste Galerie mit dem Titel "einrichtungsstudio und galerie
Dieter Brusberg" nahe der hannoverschen Marktkirche. Was war die erste Ausstellung?

"Maler auf Ibiza" – klingt heute eher banal, bedeutete damals aber Aufbruch, Öffnung
zur Welt. (Wir dürfen es nicht vergessen, die Bundesrepublik der späten 50er Jahre
war noch mit sich selbst beschäftigt.)

Bernhard Heisig, Werner Tübke, Wolfgang Mattheuer – diese Künstler der
"Leipziger Schule" haben Sie für den Westen entdeckt. Es waren die Lehrer
der heutigen Malerstars der "Neuen Leipziger Schule".

Ich habe keinen von diesen Künstlern "entdeckt". Aber ich habe versucht, sie
für den Westen zu erschließen. Denn hierzulande dominierte das Vorurteil vom
"sozialistischen Realismus". Mir ging es anfangs nicht anders. In der DDR
existierte für mich nur ein Künstler: Gerhard Altenbourg. Aber ich bin mit offenen
Augen durch die DDR gereist. Es waren dann die Bilder von Werner Tübke, dann
Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer und Harald Metzkes, die mich überzeugt
haben. Der Anfang war schwierig. Geld war mit dieser Kunst nicht zu verdienen.
Manche Anfeindung musste ich ertragen. Bahnbrechend war dann die erste
"Zeitvergleich"-Ausstellung, die 1982/83 durch die Museen und Kunstvereine
der Bundesrepublik wanderte. (Gar mancher Sammler, allen voran Peter Ludwig,
setzte sich vehement für diese "Kunst aus dem anderen Deutschland" ein. Zu den
Großen aber zählten nur wenige. Nicht anders als bei uns im Westen.) Dann aber
kam die Wende. Die selbst ernannten "Dissidenten" aus dem Osten begehrten auf.
Die Stimmung kippte. Selbst Künstler wie Heisig und Tübke wurden als
"Staatskünstler" diffamiert.

Georg Baselitz sagte, alle DDR-Künstler seien "Arschlöcher" und würden es auch bleiben.

Wir sollten über dieses böse Verdikt von Georg Baselitz den Mantel
des Schweigens breiten. Langsam macht sich jetzt eine liberalere Haltung breit.

(Wie ist Ihre Sicht der Schüler?

Es ist für mich schon eine groteske Situation, wenn ein großes Bild von Bernhard Heisig
in meiner Ausstellung für 90.000 Euro angeboten und verkauft wird und Bilder
seiner "Enkel" schon im Alter von 30 und 40 Jahren das Mehrfache
eines solchen Preises erzielen. Ein Hype des Kunstmarkts, wie ich ihn erstmals,
mit fatalen Folgen, Anfang der 70er Jahre bei Paul Wunderlich erlebte.
Und zehn Jahre später bei den Jungen Wilden in Berlin.
Ich bin gespannt, wer von den Jungen der Leipziger Schule überleben wird.
Neo Rauch aber zähle ich schon heute zu den Großen. Sein Werk wird bleiben.
Und ganz nebenbei bemerkt: Er hätte auf ideale Weise in mein Programm gepaßt.)

Ist Ihr Beruf noch der, der er einmal war?

Nein, der Beruf des Kunsthändlers (das Wort "Galerist" mag ich nicht) hat sich in
den letzten zehn, 15 Jahren auf dramatische Weise verändert. Es ist nicht mehr
mein Markt. Es sind nicht mehr meine Maßstäbe. Und das weitaus meiste der Kunst,
die heute Schlagzeilen macht, ist auch nicht mehr die Kunst, von der ich glaube,
dass sie Kunst ist.


Was genau hat sich verändert?

Im Mittelpunkt steht nicht mehr die Kunst. Im Mittelpunkt steht das Geld.
Und der Hype, der Event.


Die letzte Ausstellung der Galerie "Das große Finale" wird in zwei Teilen
bis 29. März 2008 am Kurfürstendamm 213 zu sehen sein. Der erste Teil bis
Ende Januar.

Zur Person: Dieter Brusberg wurde 1935 in Trier geboren. Seine Schul- und
Studienzeit verbrachte der spätere Avantgarde-Galerist und Mitbegründer der
Kölner Kunstmesse "Art Cologne" in Hannover. (Aus dem erträumten
Kunstgeschichtsstudium wurde aus wirtschaftlichen Gründen nichts. Brusberg
studierte stattdessen Innenarchitektur.) 1958 eröffnete er seine erste
Galerie mit dem Titel "einrichtungsstudio und galerie dieter brusberg" in
der Grupenstraße nahe der Marktkirche. Weitere Domizile in der Königstraße 8,
am Friedrichswall 13 im Kubus und in der Uhlemeyerstraße 21 in Hannover
folgten, bis Brusberg 1982 eine repräsentative 600-Quadratmeter-Dependance
in Berlin am Kurfürstendamm eröffnete. Mitte der achtziger Jahre verlagerte
er sein Tätigkeitsfeld ganz nach Berlin. Schwerpunkte sind Werke der
Klassischen Moderne, des Surrealismus und der zeitgenössischen Figuration.
in Hannover haben er und seine (aus Hannover stammende) Frau bis heute eine
(kleine) Zweitwohnung.