Berliner Zeitung
26.3.2008

Dieter Brusberg schließt nach fast 50 Jahren seine Galerie


Sebastian Preuss




Die wahre Moderne kennt keinen Eisernen Vorhang



Aus dem Berliner Kunstleben ist er nicht wegzudenken. Und erlebt man, wie Dieter Brusberg dieser Tage passioniert durch "Das große Finale", seine Abschiedsausstellung, führt, wie er mit Vitalität und jugendlichem Habitus seine 72 Jahre Lügen straft, dann kann man sich die Stadt ohne ihn gar nicht vorstellen. Seinen Abschied hatte Brusberg schon vor zwei Jahren angekündigt. Er suche nach einem Käufer für seine Galerie, hieß es. Doch dann zerschlugen sich alle Optionen, so gab es weitere Ausstellung, letzte Messe-Teilnahmen, sogar noch Entdeckungen junger Künstler.

Doch jetzt soll unwiderruflich Schluss sein. Doch wäre Brusberg nicht Brusberg, würde er sich nicht ein Terrain offen halten. Die Beletage-Räume in dem großbürgerlichen Kudamm-Haus, Ecke Uhlandstraße, werden bis Sommer endgültig geräumt. Dort, wo seit 1982 auf hohem Niveau die Klassiker des 20. Jahrhunderts ein- und auszogen. Die epochalen Bildhauer Alexander Calder oder Julio Gonzalez, ob Exzentriker wie Richard Lindner oder Rudolf Hausner, der Hausgott Max Ernst und andere Surrealisten, die West-Berliner Größen wie Maler der DDR, aber auch Außenseiter in den USA wie die pseudonaive Muriel Kalish: sie alle fügten sich hier zu einem breiten, schillernden Panorama der Moderne, das Brusberg, ohne Zugeständnisse an hysterische Moden des Kunstmarkts und allein dem eigenen Geschmack verpflichtet, hier vorführte.

Mit diesen Ausstellungen, die immer wieder von musealer Qualität waren, ist jetzt endgültig Schluss. Von zehn Mitarbeitern werden nur noch zwei bleiben. Doch wie die meisten Galeristen, die sich zurückziehen, will Brusberg im Hintergrund ein wenig weiter mitmischen. "Vielleicht noch fünf Jahre", spekuliert er. Das Lager hat genug Hochkarätiges zu bieten, mit dem sich handeln lässt. Dann zeigt er die Pläne für die vier Schauräume, die er bis zum Sommer im Erdgeschoss des Hinterhofs einrichten will.

"Ich will dort zu meinen Anfängen zurückkehren." Damals im Dezember 1958 in Hannover, als er an der Werk-Kunstschule noch Innenarchitektur studierte und begann, modernes Möbeldesign und Kunst zu zeigen, ganz dem gattungsübergreifenden Bauhaus-Ideal verpflichtet. So schweben ihm in der Hofgalerie sparsame Dialoge von Gemälden, Möbeln der Wiener Werkstätten oder einer Khmer-Plastik vor. Nach den großen Gesten, die jetzt mit dem Finale voller Max Ernst, Magritte, Arp, Uhlmann, Lipchitz, Laurens oder Ernst Wilhelm Nay zu Ende gehen, soll es künftig exzellente Kammermusik geben.

Von den ersten Künstlern, die der junge Brusberg in Hannover ausstellte, haben nicht alle der Kunstgeschichte standgehalten. Doch seine Kennerschaft wuchs. Er erschloss sich die Klassiker, richtete aber auch 1970 dem amerikanischen Pop-Maler Alex Katz die erste europäische Einzelausstellung aus. Das hinderte ihn nicht, als einer der Ersten über den Eisernen Vorhang zu schauen. Gerhard Altenbourg, der ostdeutsche Einzelgänger, wurde schon Mitte der Sechziger zu einer Zentralfigur der Galerie; später kamen Bernhard Heisig oder Harald Metzkes hinzu. Brusberg wurde, neben dem FAZ-Kritiker Eduard Beaucamp zum wichtigsten Brückenbauer zwischen Ost- und Westkunst. Wo sonst konnte man Tübke und den Kolumbianer Botero, Max Uhlig und den verkannten New Yorker Marvin Israel erleben?

Hellsichtig war Brusberg auch, als er 1982 von Hannover nicht ins damals übermächtige Rheinland, sondern nach West-Berlin zog. Hier, in der belächelten Kunstprovinz, entwickelte er sich nicht nur zum erfolgreichsten Kunsthändler der Stadt, setzte mit seinem eigenwilligen Programm nachhaltige Akzente und animierte eine neue mittelständische Sammlerschicht. Mit Botero, Magritte, Ernst und den anderen Klassikern spielte er im internationalen Millionengeschäft mit. Auf 364 Ausstellungen kann Brusberg zurückblicken, 138 davon in Berlin. Über 100 Kataloge hat er herausgegeben. Er drehte kräftig am Rad der Kunstgeschichte mit, nicht nur mit der berühmten "Zeitvergleich"-Schau von 1988, dem ersten großen Auftritt von DDR-Kunst in West-Berlin. Eine Ära geht zu Ende.

Galerie Brusberg, Kurfürstendamm 213: "Das große Finale" bis 29. März. Di-Fr 10-18.30, Sa 10-14 Uhr. Nach Voranmeldung ist ein Teil der Ausstellung noch einige Wochen zu sehen.

Berliner Zeitung, 26.03.2008