Die Welt
27.10.2013

Eine Hommage auf den Maler Werner Heldt
bei Peters-Barenbrock in Ahrenshoop


Peter Dittmar














"Berlin am Meer", das ist ein schönes Paradoxon für die preußische Hauptstadt inmitten der "Streusandbüchse des Heiligen Römischen Reiches". "Berlin am Meer" aber wurde nach 1945 zum Gleichnis für eine apokalyptische Vision, die die im Krieg zerstörte, ruinenübersäte Metropole in bildnerische Allegorien fasste. Meist sieht man aufragende Häuser, wellenumspült, und Totenköpfe, die grinsen.



Werner Heldt, der 1904 in Berlin geboren wurde und 1954 auf der italienischen Insel Ischia gestorben ist, hielt solch apokalyptische Fantasien in Grafiken und Gemälden fest. Es sind einsame Bilder, unheimelig und bedrohlich menschenleer. Das traf die Stimmung, die viele in den Nachkriegsjahren teilten. Heldts Leben war typisch und zugleich untypisch für seine Generation. In den Zwanzigern zuerst an der Kunstgewerbeschule, dann an der Hochschule für bildende Künste ausgebildet, hatte er Anfang der Dreißiger erste Erfolge. Doch als die Nazis die Macht übernahmen, zog er sich nach Mallorca zurück. Der "Aufmarsch der Nullen", eine Menschenmenge, deren Köpfe nur als Nullen gezeichnet sind, mit Fahnen, die den Raum zwischen Häuserzeilen völlig füllt (heute im Besitz der Berlinischen Galerie), war sein Kommentar zu den Veränderungen in der Heimat. Doch 1936 war er wieder in Berlin, wurde 1940 zur Wehrmacht eingezogen, und nach kurzer britischer Gefangenschaft ließ er sich erst im Ostteil der Stadt, dann kurz vor der Blockade im Westteil nieder. Sesshaft zwar, aber nicht heimisch.

"Wenn der Krieg aus ist, will ich von ganzem Herzen traurig und alt sein; aber ich will nicht umsonst gelebt haben; das kann Gott nicht wollen" schrieb er 1941 an seinen Freund, den Maler Werner Gilles. In den ersten Nachkriegsjahren schien sich ihm ein Weg zur Anerkennung zu öffnen. Er stellte mehrfach in Berlins erster Nachkriegsgalerie, bei Gerd Rosen, aus. Und auch nach seinem Tode waren bis in die Sechzigerjahre seine Arbeiten häufig zu sehen. Dann aber rückte er in den Hintergrund, galt als zeitbedingt für die Fünfziger und so aus der Zeit gefallen.

Dieter Brusberg, der ihn 1963 in seiner Galerie, damals noch in Hannover, zeigte, hielt ihm bis heute die Treue. Und so sind, von Brusberg zusammengestellt, unter dem heldtschen Titel "Berlin am Meer" in Ahrenshoop seine Bilder sowie mehrere seiner Zeit- und Weggenossen und auch einige heutige Künstler zu sehen. Die in Ahrenshoop beheimatete Galerie Peters-Barenbrock nutzt dafür die große Halle des "Grand Hotel Kurhaus", in dem sie eine Dependance unterhält, sodass nunmehr der Ausblick durch die wandhohen Fenster auf die Ostsee das bildnerische Berlin tatsächlich ans Meer versetzt.



Für viele mag Ahrenshoop am Rande der Welt gelegen und deshalb für günstige Kunstkäufe geeignet scheinen. Das Fischerdorf, das sich nach 1900 zum Künstlerdorf entwickelte, ist sich allerdings seines Wertes bewusst – und unterstreicht das seit diesem Sommer mit seinem neuen ansprechenden Kunstmuseum von Volker Staab. Die Preise für die Grafiken, Gemälde und Skulpturen der jetzigen Ausstellung, die fast alle aus Brusbergs Galerierepertoire stammen, lassen deshalb keine Illusionen aufkommen. Sie beginnen bei 1200 Euro für die Lithografie "Fischer" von Max Pechstein (bereits verkauft) und steigern sich bis zu 120.000 Euro für Heldts titelloses, doch als "Berlin am Meer" charakterisiertes Ölgemälde. Und sie übersteigen diesen Betrag mit einem "auf Anfrage" für sein inzwischen ebenfalls verkauftes "Interieur (Totensonntag)". Wer 30.000 Euro übrig hat, kann die komplette Mappe "Berlin" mit sieben aquarellierten Lithografien erwerben. Oder er kann sie in Heldts kleine Gemälde vom Ende der Zwanzigerjahre investieren, die eine Überraschung sind. Denn diese Ansichten nächtlicher Straßen mit Kneipen und Läden verbinden das "Milljöh" Zilles, mit dem er befreundet war, mit dem tristen Realismus Baluscheks. Kaum bekannt sind diese Bilder. Für 24.000 und 35.000 Euro kann man nun "Alt-Berlin mit Kutsche" oder "Samstagabend im alten Berlin" erwerben.

Zudem sind zwei Federzeichnungen und ein Aquarell mit Fischern von Ernst Wilhelm Nay (für zusammen 68.000 Euro) im Angebot. Wer will, kann sich auch für den "Strand von Misdroy" von Christian Rohlfs (für 46.000 Euro) oder für einige Tuschzeichnungen von Dieter Goltzsche, ebenfalls mit Strandmotiven, zum Preis von 1400 bis 3100 Euro entscheiden. Und wer zu viel Platz in seinen Räumen hat, darf abstrakt Plastisches von Hans Uhlmann (bis 75.000 Euro) oder Figürliches von Rolf Szymanski (36.000 Euro) wählen. Dieter Brusberg lobt sich im Katalog selbst als Kurator, weil er die sonst hotelüblichen bunten Banalitäten durch Kunstwertes ersetzt hat. Da kann man ihm angesichts dieser gelungenen Hommage auf Werner Heldt nicht einmal widersprechen.

bis 28. Februar 2014
im Kurhaus Ahrenshoop