Frankfuter Allgemeine Zeitung
04.08.2014

An misstrauischen Funktionären vorbeigeschmuggelt

Zur Ausstellung "Terra Altenbourg . Welt des Zeichners"
im Kupferstichkabinett Dresden


Camilla Blechen














In öffentlichen und privaten Sammlungen Ost- und Westdeutschlands sorgen Zeichnungen und Druckgraphiken von Gerhard Altenbourg für den Nachruhm des 1989 tödlich verunglückten Künstlers. Die Omnipräsenz des gebürtigen Thüringers vom Jahrgang 1926 beruht zum einen auf den schier unerschöpflichen Reserven des hinterlassenen Werkes, zum anderen auf dem Engagement des Galeristen Dieter Brusberg, dem es 1964 gelungen war, den Kollegen Rudolf Springer zu überreden, ihm die Hauptvertretung von dessen Schützling abzutreten. Schon im September 1969 verblüffte Brusberg die Kunstwelt mit einer 150 Arbeiten auf Papier umfassenden Ausstellung. Der bibliophil gestaltete Katalogenthielt ein rund tausend Arbeiten umfassendes Werkverzeichnis. Geblendet von Altenbourgs Farbenpracht und der linearen Eleganz seiner Figurationen, nahmen erste Interessenten die verschlossene Rätselhaftigkeit der skurrilen Szenen als Zusatzreiz in Kauf.

Gelegenheit zu individueller Interpretation der Rätselbilder bietet in diesen Tagen eine „terra Altenbourg“ überschriebene Ausstellung des Kupferstichkabinetts im Dresdener Residenzschloss. Gefeiert wird der Zugang von knapp vierzig Zeichnungen, fünfzig Radierplatten und vierzehn unikaten Künstlerbüchern, die mit Hilfe des Freistaates Sachsen aus der Sammlung von Heidi und Dieter Brus-
berg erworben werden konnten. Erstmals öffentlich zu betrachten ist das zwischen 1955 und 1957 entstandene Skizzenbuch „Dulce et decorum“, das Altenbourg Rudolf Springer übereignete, „weil ich meinen Kunsthändler so liebhabe“. Nicht ohne Bezugnahme auf den Kriegszyklus des verehrten Otto Dix rekapitulierte der an Leib und Seele traumatisierte angehende Künstler neben den Qualen der Front
auch enttäuschende erotische Erlebnisse. Den 24 aquarellierten Feder- und Pinselzeichnungen treten „Gesang des Soldaten“, „Ecce homo“ oder „Sterbehilfe“ betitelte Texte zur Seite.

Nachdem Gerhard Altenbourg, ein Unangepasster im Arbeiter-und-Bauern-Staat der DDR, eine Exmatrikulation von der Weimarer Kunsthochschule über sich ergehen lassen musste, fand er in Wolfgang Balzer, dem vormaligen Direktor der Dresdener Staatlichen Kunstsammlungen, einen verständnisvollen Förderer seiner eigenwilligen Kompositionen. Unter dem Zeichen einer „Ge-
heimen Verschlusssache“ erwarb der Kunsthistoriker in aller Stille nicht nur eine Reihe früher Lithographien, sondern beauftragte darüber hinaus Werner Schmidt, den rührigen Direktor des
Kupferstichkabinetts, ein testamentarisch festgelegtes Legat für offiziell nicht durchsetzbare Ankäufe zu verwenden. Das Täuschungsmanöver gegenüber misstrauischen Funktionären gelang:
1979 bekam der Außenseiter seine erste Museumsausstellung in den Grenzen der auf den Sozialistischen Realismus eingeschworenen DDR.

Die aktuelle Sonderschau am gleichen Ort vereint den Ankauf des Brusbergschen Konvoluts, etliche Schenkungen des Galeristen und länger zurückliegende Gaben des Künstlers selbst. Man begeg-
net einer „Pavillon“-Darstellung von 1947, dem populären „Gärtner“ von 1954 und dem Klopstock huldigenden Porträtkopf „Unverwehet“ von 1972. Dem Berliner Sammlerpaar Ulla und Heiner Pietzsch ist die Ubereignung einer 1967 bei Springer erworbenen „Schaukel“ zu danken.

Trotz eines in Dresden stattlich erweiterten Bestandes an brillanten Blättern Gerhard Altenbourgs bleibt das Altenburger Lindenau-Museum die erste Adresse für die von Engeln und Dämonen, Nymphen und Satyrn bewohrıten Zaubergärten aus dem Musterbuch des Surrealismus. Im langjährigenWolmort des zurückgezogen produktiven Künstlers hat man sich auf den permanenten Dialog mit Werken von Vertretern der Klassischen Moderne spezialisiert, während den Dresdner Neuerwerbungen eine Unterbringung im Depot bevorsteht.



"Der Gärtner"
Tempera, Aquarell, teilweise
weiß unterlegt auf blaugrauem
Ingres-Papier, 1954
63 x 49 cm
Wvz. 54/11