Tagesspiegel
7.4.2018

Bleib' doch


Laura Storfner




Vor ein paar Jahren tauchte der Begriff Ghosting auf. Man hatte ihn erfunden, um ein nicht ganz neues Phänomen als Folge der Datingapps zu beschreiben: Wennzwischen zwei Menschen, die gerade dabei waren, ein Paar zu werden, auf einmal der Kontakt abbrach, der andere nicht mehr auf Nachrichten und Anrufe reagierte und wie ein Geist verschwand.

Ganz so, als würden sie gleich verschwinden, wirken auch die Figuren in Bertram Hasenauers Gemälden und Zeichnungen, die in der Galerie Brusberg ( Friedbergstraße 29, bis 7. April) zu sehen sind. Sie entziehen sich den Blicken. Junge Männer in weißen Hemden senken den Kopf und halten die Augen geschlossen. Frauen drehen einem den Rücken zu, man sieht einen streng gebundenen Dutt oder tief ins Gesicht gezogene Kapuzen. Richtet doch mal einer der androgynen Jungen den Blick nach vorn, schaut er geradewegs durch einen hindurch. Über manche Motive zieht sich feine, weiße Lasur wie Nebel. Andere Gemälde erinnern an Fotos, die zu lange in der Sonne lagen und allmählich verblassen. Der Satz „You somehow slip away“taucht immer wieder als Werktitel in Hasenauers Arbeiten auf. Es ist die Unverbindlichkeit, die die Menschen in seinen Bildern verbindet.

Das mag daran liegen, dass es sich bei Hasenauers Bildnissen nicht um Porträts im klassischen Sinn handelt. Seine Gemälde zeigen Avatare einer Generation. Als Vorlage nutzt der Künstler Fotos aus dem Internet, Zeitschriften oder Modemagazinen und setzt sie auf dem Papier neu zusammen. So entstehen Erinnerungen an Menschen ohne Eigenschaften, idealisierte Körper mit makellosen Gesichtern und leeren Blicken. Als Erinnerungsbilder könnte man auch die Detailstudien bezeichnen, mit denen Hasenauer seit 2015 Faltenwürfe und Körperfragmente in den Fokus rückt (Preise: 5000-6500 Euro). Man fühlt sich unweigerlich an den Maler Domenico Gnoli erinnert, der in den Sechzigerjahren Hemdkrägen und Krawatten so stark vergrößerte, dass man meinte, seine Alltagsaus-

Der Blick fällt auf Details wie in dem Bild „Something is still the same“von 2015

schnitte würden einen erdrücken. Während sich Gnoli als magischer Realist in den Oberflächen der Stoffe verlor, geht es Hasenauer um den Moment, in dem das Figürliche ins Abstrakte gleitet.

Auch Hasenauers Landschaften lassen sich nicht eindeutig verorten, selbst wenn sie nach realen Orten benannt sind. Die nebligen Wälder und Gebirge wirken wie weiße Flecken auf der Landkarte – menschenleere Nicht-Orte, an die sich nicht einmal Geister verirren würden.